Die weiße Gefahr: Auszug aus dem Inhalt - Kapitel 2

 

 

 

 

Die Bedrohung durch Lawinen existiert, seitdem Menschen in den Alpen leben. Den Alpenbewohnern der vergangenen Jahrhunderte und Jahrtausende waren die Berge, Täler und Schluchten mit Geisterwesen aller Art bevölkert. Sie verkörperten die Mächte der Natur und schienen den Menschen meist nicht gerade freundlich gesinnt zu sein.

 

  Der „Weiße Tod“ durch Lawinen lauerte den Menschen auf wie das Schicksal selbst; erbarmungslos und mit voller Wucht schlug er zu. Auch wenn die Naturmächte den heutigen Menschen unter ihren wissenschaftlichen Namen bekannt sind — an dieser Schicksalshaftigkeit scheint sich nicht viel geändert zu haben. (Foto: S. Margreth/Archiv SLF)
 

 

 

Die Großlawinen kommen meistens von weit oben und nehmen während ihres Sturzes in die Tiefe unvorstellbare Kräfte auf. Hier nützte der Schutzdamm nur noch wenig: Eine größere Schneehöhe im Anrissgebiet, eine breitere Anrissfläche oder eine etwas veränderte Flussrichtung reichten dazu aus, dass die Lawine über den Wall sprang.

 

 


(Foto: S. Margreth/Archiv SLF)

 

 

Zur Verhinderung von Schäden wird häufig die Sprengung von Lawinen vorgenommen. Doch dies ist eine heikle Angelegenheit. Ist bereis sehr viel Schnee gefallen, kann die Lawine große Ausmaße annehmen und genau das verursachen, was hätte vermieden werden sollen. Diese Lawine überflutete mit ihrer Staubwolke das gesamte Tal mitsamt der Häuser.
Bild: Schattenbachlaui in Walenstadt (Graubünden/Schweiz) 1984

 


(Foto: E. Steiger/Archiv SLF)

 

 

...........Wo es geschehen wird, weiß niemand. Die allermeisten werden verschont bleiben. Doch dort, wo sich die Windrichtung mit der Neuschneemenge und der Instabilität der unteren Schneeschichten zu einer einzigartigen, tödlichen Mischung verbindet, da wird es ein Volltreffer werden. Einen Hang, ein Gebiet unter vielen wird es erwischen – hinterher wird man es wissen. Fast alle Wege sind gesperrt, die Eisenbahn steht still und mit ihr die Zeit. Der Schnee, der wie eine Wand vom Himmel fällt, verschluckt alles. Eine friedliche Stille – friedlich und bedrohlich. Der Strom ist ausgefallen, seit Tagen steht der Ölbrenner still. Glücklich diejenigen, die noch mit Holz heizen können! Die einzige Tätigkeit ist Schneeschaufeln – und Warten. Es sind viele Urlauber im Dorf – mehr als Einwohner. Anfangs war es für viele noch lustig, eingeschneit und abgeschnitten zu sein. Was für ein besonderes Erlebnis! Dass es auch eine Bedrohung ist, versucht man zu verdrängen oder zu überspielen: Die Behörden haben mit ihren Plänen ja alles im Griff! Doch als die ersten Lawinen donnernd zu Tal rasen und die Straße verschütten, zeigt die Situation immer mehr ihr wahres Gesicht: Dies ist eine Ausnahmesituation, in der nichts ist, wie es vorher war. Das verdammte Nichtstun führt zu einem quälenden Gefühl von Ohnmacht und Ausgeliefertsein. Die riesigen Schneeberge, die die Häuser immer mehr zu verschlingen drohen, verstärken dieses Gefühl nur noch. Man starrt hinaus in das unheimliche Weiß, man blickt nach innen – und sieht sich mit der eigenen Angst konfrontiert. Dort, wo es sicher ist, in jenen Ortskernen, denen eine Ebene, der Wald oder eine millionenschwere Lawinenverbauung Schutz bieten, ist es manchmal hektischer. Touristen umlagern das Gemeindeamt, bieten Höchstsummen für einen Hubschrauberflug, der gar nicht möglich ist, toben und schimpfen. Die Sündenböcke sind für sie schnell ausgemacht; .................

 

 

Lawinen schreiben Geschichte
Als es im Februar 1999 zu schneien begann und nicht mehr aufhören wollte, fanden sich die Menschen in den Alpentälern plötzlich wie hinter einem „weißen Vorhang“ gefangen: Abgeschnitten von der Außenwelt, bar aller professionellen, hoch technisierten Rettungsmöglichkeiten, waren sie auf sich allein gestellt. Es war die totale Hilflosigkeit – im 20. Jahrhundert! Genau so war es aber immer gewesen in der Geschichte der Alpen: Die Schneestürme, die die Lawinen bringen, verhindern auch die Rettung der Opfer. Wie groß mochte erst das Leid in früheren Zeiten gewesen sein! Eine der größten Einzelkatastrophen im 20. Jahrhundert ereignete sich 1954 im Großen Walsertal in Vorarlberg. Die Gemeinde Blons war hierbei mit 56 Toten besonders schlimm betroffen. Der Leiter der Blonser Volksschule, Eugen Dobler, war damals Augenzeuge, verlor sein Haus und die Schwester in der Lawine und kämpfte in den ersten 36 Stunden mit einer Handvoll Dorfbewohner mit bloßen Händen um das Leben der Verschütteten. Er hat eine besonders nahe gehende Chronik über die Katastrophe von 1954 verfaßt, aus der ich hier einen Ausschnitt stellvertretend für das unvorstellbar große Leid früherer Lawinenkatastrophen wiedergeben will:

 

Leusorg im Großen Walsertal
Bis zum Weihnachtstag 1953 erlebten wir einen einmalig schönen Spätherbst. Ein Sonnentag folgte dem anderen, auf den Wiesen fand man verschiedenste Blumen. In der letzten Adventwoche stand noch auf dem Lehrerpult ein Blumenstrauß, der in allen Farben prangte. Über die Herbstarbeit hinaus konnte schon manche Frühlingsarbeit erledigt werden. Doch manchem schien das außergewöhnliche Sonnenwetter eigenartig, und nicht selten hörte man die Meinung, ob wir die schönen Tage nicht noch büßen müssen. Und sie behielten recht!.


Foto: Archiv Dobler

 

Am Heiligen Abend fielen die ersten Flocken. Doch schien es vorerst nicht schlimm zu werden. Bis zum 9.Jänner des Jahres 1954 erreichte die Schneehöhe kaum einen halben Schuh (= etwa 15 bis 16 cm). Es war Samstag. Ein leichter Flockentanz begann. Sonntagmorgen, den 10. Jänner, lag der Schnee bereits zwei Schuh (= 60 bis 65 cm) hoch und wuchs außergewöhnlich stark. Das anfänglich leichte Schneetreiben wurde bald zum tollen Schneesturm. Trotzdem besuchten die meisten Leute noch den vormittägigen Gottesdienst. Schon auf dem Weg zur Kirche, vielmehr aber auf dem Heimweg, wurden verschiedene Kirchgänger von kleineren Scharmützeln überrascht und teils vom Weg abgedrängt. Gegen Mittag lag bei der Kirche schon 70 bis 80 cm federleichter Pulverschnee. Schneller als sonst verließen die Bauern das Gasthaus und drängten nach Hause. Alles witterte Gefahr, doch an eine solche Überraschung glaubte wohl niemand. So manche sollten nie mehr lebend zur Kirche kommen. Der Wetterbericht sprach von starken Schneefällen westlich des Brandner Tales in Richtung Großes Walsertal und eventueller Lawinengefahr. Fast wollte ich an eine für das Brandner Tal günstig frisierte Gefahrenmeldung glauben, doch die nächsten Stunden sollten dem Warndienst recht geben. Immer stärker wurde der Schneewirbel, und gegen Abend war die Metergrenze weit überschritten......................

 

 

 

Staublawinen sind sicher das imposanteste der verschiedenen Lawinenphänomene, da sie immens hohe Geschwindigkeiten erreichen. Nur trockener, lockerer Schnee kann Staublawinen bilden. Nach der Auslösung, welche meist großflächig als Schneebrettlawine geschieht, bildet sich zunächst eine Fließlawine. Im weiteren Verlauf, wenn die Geschwindigkeit der Lawine zunimmt oder Unebenheiten und Stufen eine Verwirbelung fördern, beginnt die Entwicklung der Staublawine. Immer mehr Schnee vermischt sich mit Luft und bildet ein so genanntes Aerosol – in diesem Fall ein schweres Schnee-Luft-Gemisch. Dieses reagiert wie ein schweres Gas und entwickelt durch sein Eigengewicht einen talwärts gerichteten Sturm, welcher wiederum alles mit sich reißt und damit an Masse und Gewicht weiter zunimmt. In Bodennähe entsteht eine sogenannte Saltations-schicht – eine Übergangsschicht zwischen Fließ- und Staublawine, die eine immense Geschwindigkeit und Durchschlagskraft aufweist. Es können unvorstellbare Kräfte auftreten, von denen auch dicke Betonwände wie Spielklötze umhergewirbelt werden können.

   


Schnitt durch eine Staublawine Quelle: SLF-Davos

 


Phänomene einer Staublawine:
Staublawinen haben Eigenschaften, die sie von normalen Fließlawinen gravierend unterscheiden. Aufgrund der sehr starken, durch Schnee beschwerten Luftströmung halten sie sich oftmals nicht an die durch das Gelände vorgegebenen Sturzbahnen der Fließlawinen. Eine Staublawine ist im Prinzip ein extrem schneller Fallwind. Dadurch ist ihre Auslaufstrecke wesentlich schwerer zu berechnen als jene einer Fließlawine. Wichtige Parameter hierbei sind neben der Masse und Sturzhöhe auch spezielle Geländeformen, welche die Lawine kanalisieren, teilen und auf einzelne Punkte konzentrieren können. Die Katastrophenlawine von Galtür im Jahr 1999 erlangte ihre Zerstörungskraft dadurch, dass zwei Lawinen, die zur gleichen Zeit parallel abgingen, sich in einer Rinne vereinigten und damit ihre Reichweite und Durchschlagskraft potenzierten.

Unterschiedliche Wege
Die Staublawine eilt der Fließlawine voraus, wobei diese unter Umständen sogar unterschiedliche Wege nehmen können. Dazu ein Beispiel vom Winter 1999 aus Biel: „Ein Mann war zu diesem Zeitpunkt bei Bekannten in einem anderen Dorfteil zu Besuch. Kurz nachdem er dann in sein Haus zurückgekehrt war, um 22.10 Uhr, kam die Lawine und beschädigte oder zerstörte die meisten der kurz zuvor von den anderen Bewohnern verlassenen Häuser. Auch sein Haus wurde stark beschädigt; zuerst kam die Staublawine, die das Balkongeländer wegriss, und etwas 40 Sekunden später folgte der Fließanteil, in welchem ein mitgeführter Baumstamm die Rückwand einschlug und das ganze Haus etwas wegstieß. Der Mann erlitt zwar keine direkten Verletzungen, aber einen heftigen Schock und es dauerte anschließend eine Weile, ehe er das traumatische Erlebnis verarbeiten konnte.“

  Auch für erfahrene Lawinenspezialisten ist es fast unmöglich, die genaue Auslaufzone und Reichweite von Staublawinen abzuschätzen. Die Messungen des SLF im Vallée de la Sionne sollen deshalb genauere Aufschlüsse über das Strömungsverhalten und die tatsächliche Masse von Großlawinen erbringen.

 


Foto: M. Forster/Archiv SLF

 

Nassschneelawinen
Eine riesige Nasschneelawine hat sich bis an die Häuser herangeschoben, verebbte aber glücklicherweise gerade noch rechtzeitig. Sehr viel Neuschnee in größeren Höhen, kombiniert mit einer Temperaturerhöhung und Regen in tieferen Lagen kann zu diesen gefährlichen Situationen führen. Der nasse, schwere Schnee fließt zwar langsamer als eine Staublawine, walzt aber alles nieder.


Foto:S. Gliott/Archiv SLF

 

 

Die Katastrophe von 1999

Im Ortskern von Galtür, das zum Sy-nonym für die Ohnmacht gegenüber der Natur wurde: Zigtausende eingeschlossene Urlauber, Schäden in Milliardenhöhe und über 70 Tote im ganzen Alpenraum sprechen eine deutliche Sprache. Das Geschehen bekam wegen der eingeschlossenen Touristen aus allen Teilen Europas eine nie dagewesene emotionale Nähe und drang durch die Medien bis in die Wohnzimmerstuben vor — und hinterließ wieder einmal einen Schock bei so manchem, der an die grenzenlosen Möglichkeiten der Technik geglaubt hatte.

An einem verhängnisvollen Dienstag im Februar 1999 erwischte es das Paznauntal in Tirol besonders schlimm: 38 Tote in Galtür, sieben weitere in Valzur, immense Schäden an Gebäuden und in den Wäldern. Dazu kamen die Einbrüche im Tourismus, der Haupterwerbsquelle der Einwohner.

 


Foto: S. Margreth/Archiv SLF

 

Nach den Horrormeldungen sagten viele ihren Urlaub ab, obwohl die Gefahr längst vorüber war. Insgesamt gab es in den Katastrophengebieten über 70 Tote durch Großlawinen – zuerst in Frankreich, dann in der Schweiz und Österreich. Die Schäden beliefen sich allein in der Schweiz auf ca. 600 Millionen Franken – aber wer wüsste den ideellen Wert all der Güter zu beziffern? Dazu kommt, daß der Verlust an Schutzwäldern vielerorts mit künstlichen Verbauungen ersetzt werden muss; Häuser müssen höheren Ablenkdämmen weichen, Menschen verlieren ihre Heimat. Außerdem wird befürchtet, daß die Schreckensmeldungen aus den Unglückstälern zu einem dauerhaften Rückgang des Tourismus führen und eine zweite, finanzielle Katastrophe verursachen könnten. Und dennoch: Der Katastrophenwinter von 1999 bewegte sich im Bereich des „Normalen“ in den Alpen. Das widerspricht den Schreckensmeldungen und mag zynisch klingen, aber Statistiker sind grausam. Sie interessiert nicht das Einzelschicksal, auch wenn es noch so erschütternd sein mag, sondern der Zusammenhang innerhalb größerer Zeiträume. Und so wird Erstaunliches entdecken, wer sich über die Zahlen beugt: Die Zahl der Toten ist im Vergleich zu früheren, vergleichbaren Katastrophen stark gesunken. Die Sachschäden sind gleichzeitig enorm angestiegen, jedoch nicht in dem Maße, wie die Sachwerte in den betroffenen Regionen zugenommen haben. Also Schluss mit der Zerknirschung und weitermachen wie bisher? – Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen, denn jeder Lawinenunfall ist als Einzelfall zu beurteilen, da die Ursachen sehr komplex sind – wesentlich komplexer, als dies in den Medien gerne dargestellt wird. Im Allgemeinen wurde die Katastrophe durch die große Neuschneemenge und den starken Wind in Verbindung mit der relativ großen Schneedeckenstablität ausgelöst, die aber nicht bis zum Ende der Schneefallperiode bestehen blieb (Þ Kasten S. 78). Aber jeder Einzelfall und jedes Gebiet weist wiederum ganz spezielle Eigenarten und Mechanismen auf, welche sich nicht über einen Kamm scheren lassen......................

 

 

Lawinenrisiko — Lawinenschutz
Eine zentrale Bedeutung im Lawinenschutz hat der Wald. Bereits kleine Lücken im Wald, die durch Holzeinschlag, Sturmschäden, Borkenkäfer, Wildverbiss oder Überalterung entstehen können, bilden gefährliche Anrissflächen. Seit mehreren Jahrhunderten sind Bannwälder speziell ausgewiesen, in denen unkontrollierter Holzeinschlag bei Strafe verboten ist.


Foto: Martin Engler

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