Die weiße Gefahr: Auszug aus dem Inhalt - Kapitel 1

  Schnee ist zunächst einmal etwas Faszinierendes. Im Mikrobereich erschließt sich eine Kristallwelt der Sterne, Stifte und Verästelungen, die von der zauberhaft anmutenden hexagonalen* Struktur geprägt und in sich doch immer wieder verschieden ist. Alles ist individuell und vielfältig — es gibt auf der ganzen Erde keine zwei exakt gleichen Schneekristalle! Und dann die sonderbaren weiteren Eigenschaften dieser gefrorenen Wasserkristalle:
  Sie sind über längere Zeiträume hinweg biegsam und plastisch verformbar und haben eine zähflüssige Oberfläche. Erst wenn es sehr kalt wird, erstarrt dieser Oberflächenfilm — der Schnee knirscht dann beim Laufen. Die Kristalle können Wassermoleküle verdampfen und als Eis wieder anlagern. Zig-Milliarden solcher Gebilde überziehen das Gebirge. Sie verändern sich ständig; meist gehen sie Bindungen zueinander ein und werden fester — doch manchmal bilden sie die gefürchteten Gleitschichten, werden locker und heimtückisch. Dann ist äußerste Vorsicht angesagt, denn die Gefahr lauert in diesem Fall unsichtbar im Inneren der Schneedecke. (Foto: Rainer Kraus)
 

 

 

Föhnsturm über den Alpen. Tausende Tonnen lockerer Pulverschnee werden durch die Luft gewirbelt. Wo diese Fracht abgeladen wird, entstehen in kürzester Zeit gefährliche Schneeschichten, die bei der geringsten Störung als Schneebrettlawine abgleiten können. Dort, wo der Schnee weggeblasen wurde, herrschen hingegen relativ günstige Bedingungen.

 

  Sicherheit und Lebensgefahr liegen oft nur wenige Meter auseinander. Nur der Erfahrene kann hier genau unterscheiden — und manchmal ist auch er bei der Beurteilung überfordert. (Foto: SLF - Eid. Inst. f. Schnee- und Lawinenforschung, Davos)
 

 

Eine Lawine wird gesprengt. Während eines intensiven Neuschneefalls hat der Wind sehr viel schweren, kompakten Triebschnee abgelagert, der auf der glatten, noch nicht verbundenen Unterlage leicht ins Rutschen gerät. Die Sprengung verursacht eine Druckwelle, welche frontal von oben auf die verborgene Gleitfläche trifft. Erst durchziehen Risse den Hang — dann stürzen tausende Tonnen Schnee gleichzeitig zu Tal.

 

 

Die Startgeschwindigkeit solch einer Schneebrettlawine ist sehr hoch. Skifahrern oder Freeridern gelingt nur selten eine Flucht vor diesen schnell dahinrasenden Schneeflächen. Je größer die Masse und Ausdehnung der Lawine ist, umso eher wird sie flache Zonen überspülen und das Tal erreichen. Die Berechnung der Auslaufstrecke ist eine der schwierigsten Aufgaben, welche die Sicherungsdienste zu lösen haben. Computerprogramme, die vom Schweizer Institut für Schnee und Lawinenforschung in Davos (SLF) entwickelt wurden, sollen die Entscheidung erleichtern.

Besteht die Lawine aus trockenem Schnee, kann sich im weiteren Verlauf eine Staublawine daraus entwickeln. Der Schnee vermischt sich mit Luft; durch das schwere Schnee-Luft-Gemisch entsteht ein extrem schneller „Schneesturm“, der alles mit sich reißt.

 

Insbesondere eine lange Sturzbahn mit Stufen und Felsabbrüchen begünstigt die Entstehung einer Staublawine. Allerdings muss zu ihrer Bildung auch ausreichend viel Masse vorhanden sein, weshalb diese Lawinen vorwiegend bei Großschneefällen auftreten. Skifahrer bekommen sie nur sehr selten zu Gesicht.

(Fotos: SLF - Eid. Inst. f. Schnee- und Lawinenforschung, Davos)

 

 

Bei Tauwetter erfüllt das Donnern der Nassschneelawinen die Täler. Sie sind langsamer als Staublawinen und bleiben in der Regel in ihren festgelegten Bahnen — doch der schwere, nasse Schnee reißt alles mit sich, was sich in den Weg stellt. Die meisten dieser Lawinen entstehen während einer starken Erwärmung — vorwiegend zu Beginn einer Wärmeperiode und nachmittags durch die Sonne. Besonders gefährlich wird es, wenn auf große Neuschneemengen Tauwetter folgt.

 

Foto: SLF - Eid. Inst. f. Schnee- und Lawinenforschung, Davos

 

Lockerschneelawinen beginnen als kleine Rutschung und werden im Verlauf immer größer und schneller. Sie sind die häufigste Lawinenart, verursachen jedoch nur wenige Unfälle. Dies liegt an ihrem langsamen Wachstum, welches oftmals noch eine Flucht ermöglicht, und an der leichteren Erkennbarkeit der Gefahr.

Foto: SLF - Eid. Inst. f. Schnee- und Lawinenforschung, Davos

 

 

Eine kleine und unscheinbare Falle:

Schneebrettlawinen sind seltener als Lockerschneelawinen, doch ihre schwere Erkennbarkeit und Schnelligkeit macht sie zur Unfallquelle Nummer eins. Dieses Schneebrett, das aus frischem Triebschnee bestand, forderte ein Todesopfer.

Foto: SLF - Eid. Inst. f. Schnee- und Lawinenforschung, Davos

 

 

 

Das Thema Lawinen hat in den letzten Jahren eine immense Würdigung in den Medien erfahren. Wo zuvor nur Randnotizen von Lawinenunfällen zu lesen waren, wurden diese plötzlich in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Damit stieg auch die Anzahl der Berichte, da nun auch von kleineren Unfällen berichtet wurde – was den Eindruck steigender Unfallzahlen suggerierte.
Lawinenunfälle sind „in“ bei den Redakteuren – entsprechend sehen die Schlagzeilen der letzten Jahre aus. Die Lawinenkatastrophen von 1999, als vielerorts Jahrhundert-Lawinen abgingen, und der Unfall an der Jamtalhütte im Winter darauf, als neun Teilnehmer einer geführten Tour tödlich verunglückten, verstärkten diesen Trend zusätzlich. Dabei kann jedoch schnell die Objektivität verloren gehen. Da wird, wie im Fall des Jamtalhütten-Unglücks, aus einer relativ unscheinbaren Lawine „eine riesige Lawine“, deren „donnernde Schneemassen zehn Männer und Frauen herabwirbeln“.
Bei diversen Presseveranstaltungen nach diesem Unglück zeigte ich öfter auf ähnlich steindurchsetzte und nicht besonders große Hänge, wie ein solcher den Menschen an der Jamtalhütte zum Verhängnis wurde, und fragte die anwesenden Journalisten, ob sie sich dort eine Lawine vorstellen könnten. Die meisten lachten und dachten an einen Scherz – und legten damit unfreiwillig Zeugnis ab über die ganze Tragik des Unfalls und die Problematik seiner Darstellung in den Medien. Hinterher sind wir immer schlauer. Nur allzu verständlich ist die Frage, warum dieser Unfall den professionellen Führern bei eindeutig ungünstigen Bedingungen (hohe Gefahrenstufe und schlechtes Wetter) passieren konnte. Doch bei genauem Hinsehen ist alles eben doch nicht so einfach, wie es von außen scheinen mag. Wer mit dem Finger auf andere zeigt, ohne genauestens über alle Mechanismen Bescheid zu wissen, verhindert im Grunde den eigenen Lernprozess. Die Frage „Hätte mir das nicht selbst passieren können?“ finde ich da heilsamer.

Vielleicht ist es das, worum es uns vor allem gehen sollte: Zu begreifen, dass wir in Bezug auf die Naturmacht Lawine immer Lernende sein werden – und nie endgültig „Wissende“. Die derzeitige Stimmung in den Medien und in der Öffentlichkeit macht eine objektive Aufarbeitung der Geschehnisse immer schwieriger. Da werden öffentlich Beschuldigungen ausgesprochen und auf der anderen Seite gemauert. Eine Folge dieser von den Medien losgetretenen „Sekundärlawinen“ ist, dass einige Fallbeispiele in diesem Buch nur unter geänderten Namen veröffentlicht werden konnten – zu groß ist die Furcht der Betroffenen, durch ein Eingeständnis eigener Fehler von den Auswirkungen überrollt zu werden.

Ein Ziel dieses Buches ist es, ein allgemein verständliches Bild über Lawinen und die aktuelle Problematik zu vermitteln – in der Hoffnung, die derzeitigen Missverständnisse verringern helfen zu können. Vielleicht führt das wieder zu mehr Toleranz, denn nicht jede Warnung vor Lawinen muss gleich bedeuten, dass man zuhause bleiben muss. Eine sinnvolle Entscheidung hängt stets auch von den genauen Umständen ab. Je mehr sich starre Regeln und Formalismen auf Kosten der genauen Beobachtungs- und Beurteilungsfähigkeit durchsetzen, umso stärker laufen wir Gefahr, uns eines der letzten urtümlichen Erlebnis- und Erfahrungsräume zu berauben.

 

Der Unglückshang an der Jamtalhütte.

Foto: Jan Mersch

 

Zurück